Was ist Sucht ?

Sucht ist keine Charakterschwäche – Sucht ist eine Krankheit!

Eine Krankheit, die nicht selten tödlich endet, wenn man sie nicht behandelt.

Diese Krankheitseinsicht zu gewinnen, ist aber sowohl für die Abhängigen selbst, als auch für die Angehörigen eines Abhängigen oft ein langer Weg.

Fast alle Betroffenen sehen ihre Sucht zunächst als eigenes vorsätzliches Verschulden an und reagieren mit Scham- und Schuldgefühlen. Diese werden dann mit weiterem Konsum versucht zu lindern und der Teufelskreis schließt sich. Die Hürden aus diesem Kreislauf auszutreten, werden mit fortführender Abhängigkeit immer größer und gelten als unüberwindbar.

Ähnlich sieht es auf der Seite der Angehörigen aus. Es entstehen Schuldzuweisungen an den Betroffenen und auch an sich selbst, weil eine Erklärung dafür fehlt, warum der Partner(in) immer wieder zu den Suchtmitteln greift und damit nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das Leben derjenigen zerstört, die selbst gar nicht konsumieren und unschuldig in diesen Kreislauf hineingezogen wurden. Anstatt mit Einsicht, reagiert der Abhängige aber in der Regel mit einem weiter ansteigenden Konsum und die Situation spitzt sich weiterhin zu.

 

Niemand sucht sich eine Krankheit aus. Dies gilt für eine Suchterkrankung genauso wie für alle andren Krankheiten auch. Wo die individuellen Ursprünge für die Abhängigkeit des Einzelnen liegen lässt sich zumindest am Anfang oft nicht feststellen und man ergibt sich der vorherrschenden Tatsache da „irgendwie reingerutscht“ zu sein.

Sucht als Krankheit

Die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) definierte Alkoholismus im Jahre 1952 offiziell als Krankheit.

Am 18.06.1968 zog das Bundessozialgericht nach, seitdem gilt Alkoholismus auch in Deutschland als anerkannte Krankheit. In den nächsten Jahren wurde Alkoholismus dann auch auf andere Abhängigkeitsformen, wie z.B. illegale Drogen ausgeweitet. Eine Behandlung der Suchtkrankheit in Form einer Entgiftung, einer ambulanten oder stationären Therapie wird nun von den Krankenkassen oder der Rentenversicherung als Kostenträger übernommen.

 

Diagnose Sucht

Da die Sucht/ Abhängigkei als Krankheit offiziell anerkannt ist, gibt es hierfür selbstverständlich auch entsprechende ICD-10 Diagnosen.

Zur Erklärung: ICD ist ein weltweit anerkanntes Diagnoseklassifikationssystem der Medizin. ICD steht für engl.: International Classification of Deseases, die korrekte deutsche Bezeichnung lautet: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. In Deutschland sind Ärzte dazu verpflichtet, die Diagnosen gemäß der ICD-10 (GM = German Modifikation) zu verschlüsseln.

Hier ein Beispiel für Alkoholbedingte Krankheiten, welche mit F10 gekennzeichnet werden.

F10.0 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol : Akute Intoxikation [akuter Rausch]
F10.1 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol : Schädlicher Gebrauch
F10.2 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol : Abhängigkeitssyndrom
F10.3 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol : Entzugssyndrom
F10.4 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol : Entzugssyndrom mit Delir
F10.5 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol : Psychotische Störung
F10.6 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol : Amnestisches Syndrom

Und weitere mehr…

Einige Beispiele für die Kennzeichnung weiterer Substanzbedingter Störungen:

  • Störung durch Opiate = F11 für opiathaltige Schmerzmittel
  • Störungen durch Hypnotika und Sedativa = F13 für Barbiturate, Benzodiazepine
  • Störungen durch Stimulanzien = F15 für z.B. Amphetamine
  • Und weitere mehr…

 

Ab wann liegt eine Abhängigkeit vor?

Die Grenze zwischen Genuss – Missbrauch – und Abhängigkeit verläuft fließend und wird vom Betroffenen oft erst bemerkt wenn sie bereits überschritten wurde. Im Allgemeinen bedeutet Abhängigkeit, dass man nicht mehr in der Lage ist seinen Substanzkonsum wissentlich zu steuern.

Eine Abhängigkeit gemäß der ICD-10 Diagnosekriterien besteht, wenn mindestens drei der sechs aufgeführten Kriterien innerhalb der letzten sechs Monate erfüllt sind:

  1. Starker Wunsch oder Zwang die Substanz zu konsumieren.
  2. Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn – Menge und Beendigung des Substanzkonsums.
  3. Konsum zur Linderung körperlicher und / oder psychische Entzugserscheinungen.
  4. Toleranzentwicklung, bzw. Dosissteigerung.
  5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Substanzkonsums, (z.B. Zeitaufwand für Beschaffung und Entsorgung, länger werdende Regenerationsphasen).
  6. Anhaltender Konsum trotz des Nachweises eindeutiger Folgeschäden (z.B. Gesundheitsschäden, Leistungsabfall, Verlust des Arbeitsplatzes oder der Fahrerlaubnis infolge des Konsums).

 

Neben der ICD-10 Klassifikation existiert auch noch das DSM-5 Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (APA), welches folgende Kriterien für eine Substanzgebrauchsstörung nennt:

  1. Wiederholter Substanzgebrauch, der zum Versagen bei wichtigen Verpflichtungen in der Schule, an der Arbeit oder im Haushalt führt.
  2. Wiederholter Substanzgebrauch, bei dem es infolge des Konsums zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann.
  3. Fortgesetzter Konsum trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme.
  4. Toleranzentwicklung, bzw. Dosissteigerung oder verminderte Wirkung unter derselben Dosis.
  5. Linderung oder Vermeidung von Entzugssymptomen durch Substanzgebrauch.
  6. Einnahme der Substanzen in größeren Mengen oder längeren Zeiträumen als ursprünglich geplant.
  7. Anhaltender Wunsch oder gescheiterte Versuche, den Substanzkonsum zu beenden oder zu kontrollieren.
  8. Erhöhter Zeitaufwand für Beschaffung und Entsorgung des Suchtmittels oder um sich von dessen Wirkung zu erholen.
  9. Vernachlässigung und Aufgabe anderer Aktivitäten zugunsten des Substanzkonsums.
  10. Fortgesetzter Konsum trotz körperlicher und / oder psychischer Probleme.
  11. Craving, das starke Verlangen nach der Substanz

Im DSM-5 Klassifikationssystem gilt eine „Substanzgebrauchsstörung“ als erfüllt, wenn mindestens zwei dieser Kriterien in den letzten zwölf Monaten zutreffen.

Die Schwere der Substanzgebrauchsstörung wird weiter wie folgt spezifiziert:

  • Moderate Störung: bei Vorliegen von zwei bis drei Kriterien.
  • Schwere Störung: bei Vorliegen von vier oder mehr Kriterien.

 

Formen der Abhängigkeit

Grundsätzlich lassen sich Abhängigkeiten in zwei Hauptgruppen unterteilen. Diese sind:

Stoffgebundene Abhängigkeit

  • Alkoholabhängigkeit
  • Drogenabhängigkeit
  • Nikotinabhängigkeit
  • Medikamentenabhängigkeit
  • Abhängigkeit nach weiteren Stoffen wie z.B. Nasensprays, Legal High´s, Biodrogen

 

Verhaltensbezogene Abhängigkeit

  • Pathologisches Glücksspiel
  • Mediensucht
  • Kaufsucht
  • Sexsucht
  • Und weitere

 

In der Praxis überschneiden oder ergänzen sich die beiden Abhängigkeitsformen jedoch häufig. So ist es zum Beispiel nicht ungewöhnlich, wenn ein Spielsüchtiger seinen Frust oder auch seine Euphorie mit Alkohol betäubt oder ein Mediensüchtiger zu legalen oder illegalen Drogen greift, um die oft mehrtägigen PC- / Spielesessions durchzustehen.

 

Polytoxikomanie

Unter einer Polytoxikomanie versteht man den gleichzeitigen Konsum mehrerer psychotrop wirkender Substanzen (z.B. Alkohol und Drogen oder Drogen und Medikamente oder weitere Kombinationen) mit dem Ziel, die Wirkung zu steigern oder dem Effekt einer Substanz entgegenzuwirken. Eine POlytoxikomanie ist gegeben, wenn dies über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten geschieht.

Ein Beispiel:

Der Betroffene konsumiert nach dem Aufstehen zum Beispiel Cannabis um die Stimmung aufzuhellen, während des Tages Amphetamine um seinen Leistungsabfall am Arbeitsplatz zu kompensieren und Abends Alkohol um von der aufputschenden Wirkung der Amphetamine runter zu kommen.

 

Suchtverlauf

Eine Abhängigkeit / Suchterkrankung entwickelt sich in der Regel nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess, welcher in manchen Fällen Jahre dauern kann und mehrere Phasen durchläuft. Auch hier bestimmen Ausnahmen die Regel, so kann es also auch je nach Suchtmittel, sozialem Umfeld oder der jeweiligen Situation bereits innerhalb weniger Tage zu einer Abhängigkeit kommen. So gibt es zum Beispiel hochpotente Drogen wie Methamphetamin (Crytal Meth), welche diesen Vorgang beschleunigen.

In jedem Fall liegt bereits nach der ersten Einnahme einer Substanz (egal welcher) eine Intoxikation (Vergiftung) vor, welche sich durch körperliche oder psychische Veränderungen auswirkt.

In der Regel werden folgende Phasen der Abhängigkeit durchlaufen:

Probierphase

Während der Probierphase werde unterschiedliche Substanzen oft von Cliquen / Gruppen Gleichaltriger getestet. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass man als „Probierer“ auch abhängig wird. Nicht jeder, der in der Jugend Alkohol trinkt wird später auch zum Alkoholiker. Dies gilt auch für illegale Drogen wie zum Beispiel Cannabis. Nicht jeder, der einen Joint probiert, wird später auch in missbräuchlicher oder abhängiger Weise fortführen.

Missbrauchsphase

Beim Übergang von der Probierphase in die Missbrauchsphase ist beim Konsumenten bereits ein Wissen um die Wirkung einer oder mehrerer Substanzen vorhanden. Substanzen mit psychotroper Wirkung werden gezielt wegen ihrer Wirkung konsumiert.

Alkohol, Medikamente oder Drogen werden zum Beispiel als Ventil zum Abbau von Spannungen genutzt oder um andere erwünschte Wirkungen zu erhalten, wie zum Beispiel ein lockerer zwischenmenschlicher Umgang, eine (kurzfristig vorhandene) Leistungssteigerung. Die Schädigende Wirkung auf die Gesundheit und das soziale Verhalten werden billigend in Kauf genommen.

Abhängigkeitsphase

In der Abhängigkeitsphase kann der Betroffene nicht mehr auf die Suchtmittel verzichten und richtet seinen Tagesablauf auf die Beschaffung, den Konsum und die Erholung vom Rausch aus. Das soziale Umfeld, der Beruf, die Familie oder wichtige Freizeitaktivitäten treten vollständig in den Hintergrund. Versuche, den Konsum zu kontrollieren oder einzudämmen scheitern, die Substanzen haben die Kontrolle übernommen und ein selbstbestimmtes Leben kann so nicht mehr fortgeführt werden. Um den ständigen Entzugserscheinungen entgegenzutreten, wird der Substanzkonsum zum Lebensinhalt.

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