Der harte Weg zurück ins Leben

Der harte Weg zurück ins Leben

Die Überschrift „Der harte Weg zurück ins Leben“ habe ich gewählt, weil ich in meinem heutigen Beitrag über das Hilfesystem und die Möglichkeiten des Ausstiegs aus der Sucht schreiben möchte.

Die gute Nachricht zuerst: Ein Ende der Abhängigkeit, egal ob von Alkohol, Drogen, Medikamenten oder sonstigen Süchten ist für JEDEN möglich!

Abhängige sind nicht unbelehrbar oder unmotiviert – sie sind AMBIVALENT

Die etwas weniger angenehme Nachricht: Es wird ein richtig harter Weg – und das ist auch gut!

Wie jetzt, was soll denn daran bitte gut sein?

Man stelle sich einfach mal vor, es wäre alles völlig einfach. Eine Therapieklinik würde vielleicht sogar noch den Service eines Wellness Hotels anbieten.

Welche Motivation hätte ein Süchtiger denn nicht sofort wieder anzufangen zu konsumieren wenn mal der berühmte „Suchtdruck“ kommt?

Oder man stelle sich vor es gäbe sie wirklich, die berühmte Pille gegen Sucht…..

Warum sollte ein Süchtiger denn die Abstinenz anstreben wenn es doch damit viel leichter gehen würde?

Wer den einfachen Weg gehen möchte kann bestenfalls die Symptome bekämpfen. Wenn man aber an die Wurzel des Problems gelangen möchte tut es nun mal zwangsläufig weh.

 

Das Hilfesystem

Motivation

Das Fundament um überhaupt eine erfolgversprechende Behandlung zu beginnen ist die richtige Motivation und die besteht meiner Meinung nach in der Krankheitseinsicht. Halbherzige Versuche weil einem der Partner, der Chef oder ein Richter die Pistole auf die Brust setzt sind zumeist nicht von anhaltendem Erfolg. Ich glaube zwar fest daran, dass eine Motivation von außen überhaupt erst den Ruck in die richtige Richtung gibt, es wirklich schaffen kann man aber nur, wenn man es zu 100% für sich selbst will. Krankheitseinsicht bedeutet, die Sucht als das zu akzeptieren was sie tatsächlich ist – eine Krankheit, die tödlich enden kann wenn man sie nicht entsprechend behandelt. Es ist eben keine Charakterschwäche, die man jederzeit mal eben ändern kann.

 

Selbsthilfegruppen

Für viele Betroffene und / oder Angehörige ist eine Selbsthilfegruppe oftmals der erste Kontakt in das Hilfesystem und auch oftmals der erste Kontakt raus aus der abgeschotteten Suchtgemeinschaft.

Ich kann auch jedem meiner Leser der vielleicht grade erst den Entschluss gefasst hat trocken / clean zu werden sich so viele wie mögliche Selbsthilfegruppen anzuschauen.

Der Weg in die Abstinenz ist ein langer Entwicklungsprozess. Niemand kann von sich oder seinem Angehörigen / betroffenem Partner erwarten, dass man den Entschluss fasst aufzuhören und sofort den Masterplan hat wie das eigentlich funktionieren soll. Ganz im Gegenteil, für den Süchtigen ist es schon ein unvorstellbarer Zeitraum auch nur einen Tag nicht zu konsumieren.

Selbsthilfegruppen sind eine hervorragende Möglichkeit, Ängste abzubauen, seine Widerstände langsam zu verringern, Mut zu gewinnen, von anderen zu hören, dass es ihnen genauso erging, dass man nicht alleine ist mit seinem Problem und das am Ende des Prozesses sogar ein glückliches und zufriedenes Leben stehen kann.

Und ganz wichtig, nicht jede Gruppe passt auch zu einem. Es ist daher wichtig, sich am besten jede Gruppe in seinem Einzugsgebiet einmal anzuschauen und ohne Vorbehalte oder Klischeedenken dort hinzugehen.

 

Die Entgiftung

Ich persönlich halte eine ärztlich kontrollierte Entgiftung auf einer entsprechenden Station für die beste Wahl, insbesondere bei Alkohol halte ich es sogar für unbedingt notwendig in einem kontrollierten Umfeld zu entgiften.

Bei Alkohol kann im Gegensatz zu allen anderen Suchtmitteln auch noch Tage nach dem Absetzen des Suchtmittels ein Krampfanfall oder gar ein Delir auftreten. Wer schon einmal einen Krampfanfall gesehen hat der weiß, dass man diesen auf keinen Fall alleine Zuhause haben sollte. Die gesamte Körpermuskulatur beginnt zu krampfen, eine Selbstkontrolle ist absolut nicht mehr möglich. Hierbei ist es schon zu schwersten Verletzungen bis hin zu Todesfällen gekommen. Daher rate ich besonders bei Alkohol  immer eine Entgiftungsstation aufzusuchen – auch wenn es vielleicht schon zigmal gut gegangen ist.

Eine Entgiftung erfolgt in der Regel auch unter medikamentöser Begleitung. Das heißt, die Patienten erhalten Mittel gegen krampfen aber auch zur Beruhigung, z.B. Tavor.

Viele Patienten scheuen Medikament weil sie Angst haben, dann von einem Medikament abhängig zu werden. Die Angst kann ich zwar nachvollziehen, aber gleichzeitig kann ich sie auch nehmen. Die Anwendung dieser Medikamente erfolgt selbstverständlich ärztlich kontrolliert und wird vor Behandlungsende ausgeschlichen.

 

Die qualifizierte Entgiftung

In der Regel zahlt die Krankenkasse für 10 Tage den Aufenthalt in einer Entgiftungsstation. In einigen ausgewählten Stationen hat man aber auch die Möglichkeit einer „Qualifizierten Entgiftung“. Das heißt, man muss sich relativ schnell entscheiden, ob man im Anschluss eine stationäre Langzeittherapie machen möchte. Die Sozialarbeiter der Entgiftungsstation kümmern sich dann schnellstmöglich um einen freien Platz in einer kooperierenden Einrichtung und bringen die Kostenzusage auf den Weg. In diesem Fall werden die Kosten für bis zu 21 Tagen  übernommen, was bei diesem Modell ausreicht um im Anschluss direkt in eine Therapie Einrichtung zu kommen.

Der Vorteil besteht darin, dass man die Entgiftungsstation nicht verlassen muss und zunächst mehrere Wochen mit seinem Problem alleine zuhause ist, sondern man geht direkt ohne Unterbrechung von der Entgiftung in die Therapie. Das Rückfallrisiko in den ersten Wochen in denen man noch am anfälligsten ist wird somit entscheidend minimiert.

Dies funktioniert allerdings nur, wenn es die erste Therapie des Patienten ist.

 

Stationäre vs. Ambulante Therapie

Was mache ich? Stationäre oder ambulante Therapie? Diese Frage ist fast in jeder meiner Gruppen ein fester Bestandteil, weil sie sich ganz einfach jedem stellt.

Obwohl ich ganz persönlich fast immer eine stationäre Therapie für richtiger halte gibt es hier ganz einfach keinen Königsweg. Auch ich habe mich schon oft getäuscht und Freunde und Klienten leben auch mit einer ambulanten Therapie nun schon lange erfolgreich abstinent.

Ich habe es weiter oben schon erwähnt, dass der Weg in die Abstinenz ein langer Prozess ist. So ist es nicht verwunderlich, dass fast jeder der diesen Weg zum ersten Mal beschreitet sich eher für eine ambulante Therapie entscheiden würde, weil es erstmal angenehmer und leichter umsetzbar erscheint.

Oftmals schiebt man sich auch Gründe vor, um nicht in eine stationäre Einrichtung zu müssen. „Ich habe einen Hund“, „ich habe vor kurzem erst den Job gewechselt“, „ich möchte mein Umfeld nicht so lange verlassen“ – alles schon oft gehörte Argumente, die wie ich finde noch einmal überdacht werden sollten.

Meine ganz persönliche Meinung dazu ist:

Wenn ich meinen Lebenstiefpunkt erreicht habe und da nun endlich raus will, dann nehme ich jede Form der Hilfe an ohne Bedingungen zu stellen. Wenn mir also jemand eine Therapie am Nordpol anbieten würde, dann würde ich keine Sekunde überlegen und sofort zusagen.

Ich weiß, das sagt sich so leicht mit dem Wissen was ich heute habe. Es ist aber Teil der Krankheit, dass zu Anfang noch so große Widerstände vorhanden sind, dass man sich selbst die besten Argumente zurechtlegt.

Wie gesagt, ich halte die stationäre Therapie für das beste Mittel aber auch andere Modelle können zum Erfolg führen!

Ambulante Therapie

Wenn man sich nun für eine ambulante Therapie entschieden hat, sieht diese in der Regel so aus, dass man 2 Gruppensitzungen pro Woche hat, begleitet von einer gewissen Anzahl an Einzelgesprächen, medizinischer Info und Angehörigen Gesprächen. Kostenträger ist wie bei der stationären Therapie in der Regel die Rentenversicherung. Ich finde es wichtig, parallel zur ambulanten Therapie auch eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, da zwei Einheiten pro Woche gerade in der schweren Anfangszeit einfach zu wenig sein können.

 

Stationäre Therapie

Eine Stationäre Therapie dauert bei Alkohol etwa 14 – 16 Wochen, bei Drogenkonsumenten bis zu 26 Wochen. Der Vorteil hieran ist, dass man erstmal raus ist aus seinem gewohnten Umfeld und sich sozusagen unter den Schutz einer Käseglocke begeben kann. Man hat im Prinzip vom Aufstehen bis zum Schlafen gehen immer mit dem Thema zu tun.

Wöchentlich hat man mehrere Gruppentherapien, in der Regel ein Einzelgespräch mit seinem Bezugstherapeuten und dazwischen Sport, Ergotherapie, Arbeitstherapie, Hausdienste, etc.

Viele Patienten einer stationären Behandlung sagen später, dass die Zeit die sie dort für sich und ihre Bedürfnisse hatten eine völlig neue und positive Erfahrung war, die sicherlich (und hoffentlich) einzigartig im Leben ist

 

Adaption

Kann eine sehr gute Möglichkeit sein um nach der Therapie wieder Fuß zu fassen, wenn man z.B. eine unklare Wohn- oder Arbeitssituation hat oder noch eine Übergangsphase benötigt. Viele Therapieeinrichtungen haben eigene Adaptionsmöglichkeiten. Konkret sieht dies so aus, dass man in einer Wohngruppe für eine bestimmte Zeit zusammen mit anderen Betroffenen lebt und noch eine regelmäßige Anbindung an einen Bezugstherapeuten hat. Von hier aus können Bewerbungstrainings oder Praktika organisiert werden um beruflich wieder Fuß zu fassen oder eben eine neue Wohnung gesucht werden, damit man nach der Therapie nicht auf der Straße steht.

 

Die Nachsorge

Die Nachsorge wird in der Regel schon vor Therapieende gemeinsam mit dem Bezugstherapeuten beantragt und in der Regel auch bewilligt. Hier geht man dann in einer entsprechenden Einrichtung (Beratungsstelle, Fachstelle) wöchentlich ein- zwei Mal in eine Gruppentherapie welche auch extrem sinnvoll ist und beim Übergang in ein geordnetes Leben eine wichtige Rolle spielt. Auch hier hat man noch die Möglichkeit von medizinischen Infoabenden sowie von Angehörigenseminaren. Es werden in der Regel ca. 25 – 25 Einheiten bewilligt, welche aber erfahrungsgemäß problemlos einmal verlängert werden können. Eine ärztliche Abschlussuntersuchung bildet dann auch das Ende der Reha Maßnahmen.

 

Die Selbsthilfegruppe

Ja, wir hatten sie zu Beginn schon aber im Idealfall zieht sie sich wie ein roter Faden durch das künftig suchtfreie Leben. Das Ende der medizinischen Reha bedeutet nicht, dass man nun geheilt ist und sich um nichts mehr kümmern braucht. Im Gegenteil. Eine Suchtkrankheit ist nicht heilbar und bleibt bis ans Lebensende bestehen – sie kann aber mit diesen Mitteln zum Stillstand gebracht werden. Wer jetzt denkt: „Muss ich jetzt bis zum Lebensende in so eine Gruppe gehen?“ – Nein, müssen tut man gar nichts! Ich selbst habe es aber in allen Gruppen erlebt, dass die Pflicht irgendwann zu einem Vergnügen wurde. So treffe ich mich jede Woche nicht mit Süchtigen, sondern mit Freunden!

Ich halte es für wichtig sich regelmäßig mit dem Thema Sucht zu beschäftigen und daran zu arbeiten. Warum denn auch nicht? Als man noch getrunken, gekifft oder gekokst hat war man ja schließlich auch den ganzen Tag mit dem Thema beschäftigt.

 

Die Angehörigen

Die Angehörigen sind für mich eines der wichtigsten Glieder in der Kette. Die Angehörigen mussten schließlich die Sucht des Partners, des Sohnes, des Freundes, des Kollegen auch lange genug ertragen und sind dabei sicherlich nur allzu oft an ihre Grenzen gekommen. Sei es durch das Fehlverhalten im Rausch, durch die Lügen oder immer wiederkehrenden Versuche und Beteuerungen endlich aufzuhören.

Wer also erwartet, dass er aus der Reha kommt und zuhause ist sofort wieder Friede-Freude-Eierkuchen, der wird wahrscheinlich enttäuscht sein. Es ist doch ganz klar, dass das Vertrauen, welches man während seiner Suchtzeit mit dem Dampfhammer zerstört hat, nicht innerhalb von ein paar Wochen wieder aufgebaut ist.

Ich möchte daher jedem raten, seinen Angehörigen auch die notwendige Zeit zu geben. Das Verständnis dafür aufzubringen, dass natürlich erstmal noch Misstrauen herrscht. Die Angehörigen einzubeziehen und in der eigenen Entwicklung mit mitzunehmen. Eines steht fest, wer den Weg in die Abstinenz schafft, der wird sich verändern. Der wird nicht mehr der Mensch sein der er vorher war. Der wird nicht mehr zu allem „ja und amen“ sagen, nur um ungestört seiner Sucht weiter nachgehen zu können. Konflikte sind also vorprogrammiert und völlig normal.

 

Alte Spielplätze meiden

Eine der schwersten Übungen auf dem Weg in die Abstinenz. Denn dies heißt, dass man sich wahrscheinlich von einem großen Teil seiner alten Weggefährten verabschieden muss. Dass man mit alten Gewohnheiten brechen muss. Dass man Dinge, die man als Süchtiger getan hat nun einfach nicht mehr tun kann. Ich stelle es mir zumindest schwer vor, beim Stammtisch zu sitzen wo sonst reichlich Bier und Schnaps geflossen ist und als einziger Fanta zu trinken. Man stellt auch fest wie nervig es ist, wenn der Alkoholpegel steigt und das Gesprächsniveau rapide sinkt und man erkennen muss, dass man früher selbst einmal so war. Dennoch, es ist nicht leicht sich von diesen „Freunden“ zu verabschieden. Oftmals wird einem diese schwere Entscheidung aber glücklicherweise abgenommen. Schaut doch einfach mal wer sich so alles bei eine meldet wenn man in Therapie ist und sich nach dem Wohlbefinden erkundigt…..von vielen hundert „Freunden“ bleiben oftmals nur 2-3 übrig.

 

So, nun ist der Beitrag viel länger geworden als eigentlich geplant. Ich versichere Euch aber, ich habe an vielen Punkten nur an der Oberfläche gekratzt. Das Thema ist so spannend und umfangreich, dass ich mit der Zeit die einzelnen Stationen des Hilfesystems nochmal einzeln näher vorstellen werden.

Allen die vor der Entscheidung stehen den harten Weg zurück ins Leben zu gehen – es Lohnt sich auch die größte Mühe!!!

2 Kommentare zu „Der harte Weg zurück ins Leben

  1. Hallo Marc, du bringst vieles auf den Punkt, was suchtübergreifend ist -> der eigene Wille ist entscheidend. Oftmals werde ich nach Tricks gefragt, wie man denn am schnellsten die Sucht verjagen kann. Diese gibt es nicht und wird es auch nie geben, denn man selbst ist der Trick. Die Erkenntnis ist das eine, die Umsetzung das andere. Reingerutscht in eine Sucht ist man schnell und genauso schnell will man das lästige, krankhafte und gefährliche Verhalten wieder loswerden. Wer sich bewusst für den Weg aus einer Sucht entscheidet, wird es schaffen. Von leicht kann keine Rede sein, aber hat man einmal die Hölle verlassen, ist nichts mehr so wie es einst war. Vor Sucht ist keiner gefeit. Es ist auch keine Schande Hilfe anzunehmen, oder Rückschläge zu erleiden, solange man sein Ziel nicht aus den Augen lässt.
    Weiter so… 🙂
    Viele Grüße
    Michaela

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Michaela, ganz lieben Dank für Dein Kommentar. Deinen Satz „der Trick ist man selbst“ finde ich klasse und der trifft immer zu. Es ist richtig, JEDER kann in die Sucht rutschen. Es ist eine Krankheit und die nimmt weder Rücksicht auf sozialen Stand noch sonstiges.
      Danke und viele Grüße
      Marc

      Gefällt 1 Person

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