Sucht in Zahlen

Liebe Leser,

heute habe ich einmal Versucht das Thema Sucht ganz sachlich in Zahlen zu verpacken. Bei dem Versuch ist es dann leider auch geblieben, denn obwohl ich mich nun seit Jahren regelmäßig mit diversen Statistiken zu diesem Thema beschäftige, hat es mich auch diesmal wieder emotional bewegt und mitgerissen. Ich glaube, ich werde es wohl nie ganz sachlich sehen können.

Zum Beispiel die Tatsache, dass 14% der Frauen während der Schwangerschaft gelegentlich zu Alkohol greifen finde ich eine erschreckend hohe Zahl. Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist häufig die Ursache für Fehlbildungen, Entwicklungsstörungen, geistige Behinderungen oder Verhaltensauffälligkeiten. Diese Formen der vorgeburtlichen Schädigungen werden unter dem Begriff FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorder / deutsch: Fetal Alkohol Spektrumsstörungen)  zusammengefasst. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland bis zu 1,5 Millionen FASD Betroffene. Selbstverständlich möchte ich keiner Frau unterstellen, dass sie dies vorsätzlich tut. Es zeigt aber, dass noch ein extrem hoher Aufklärungsbedarf besteht.

 

Lasst einfach mal die Zahlen zur aktuellen Situation in Deutschland auf Euch wirken…

Alkohol

  • Aktuell circa 1,8 Millionen registrierte Alkoholabhängige ( + Dunkelziffer )
  • Circa dreimal so viele Menschen, die Alkohol missbräuchlich, in gesundheitlich schädlicher Form konsumieren.
  • Jährlich circa 395.000 stationäre Behandlungsfälle aufgrund ausschließlich alkoholbedingter Erkrankungen (letzte Erhebung aus 2013).
  • 75% der stationären Behandlungsfälle waren Männer, 25% waren Frauen.
  • In den letzten 15 Jahren hat die Zahl der Personen, welche aufgrund von alkoholbedingten Erkrankungen stationär behandelt wurden um 21% zugenommen.
  • Schätzungsweise sterben jährlich 15.000 Menschen infolge von Erkrankungen, die ausschließlich Folge des Alkoholkonsums sind.
  • Weitere bis zu 50.000 Todesfälle infolge des kombinierten Konsums von Alkohol und Tabak.
  • Das durchschnittliche Sterbealter bei alkoholbedingten Krankheiten liegt bei 61 Jahren. Dies ist 17 Jahre unter dem durchschnittlichen Sterbealter.
  • Fast jeder 18-64 jährige Erwachsene in Deutschland trinkt zumindest gelegentlich Alkohol. Lebenslang abstinent sind nur 3,6 % der Bevölkerung.
  • Die Volkswirtschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums betragen circe 26 Milliarden € pro Jahr. Circa 10 Milliarden Euro davon sind direkte Kosten für Behandlungen, Rettungsdienste, Reha etc, der Rest für Ressourcenverluste, verminderte Arbeitsleistung, Frühberentung, etc.
  • Laut AOK Fehlzeitenreport (aus 2012) gab es unter den Mitgliedern der AOK rund 2,4 Millionen suchtbedingte Fehltage.

Medikamente

Da eine Medikamentenabhängigkeit schwer zu erheben ist, gehen die Zahlen hier deutlich auseinander.

  • Laut einer Studie des Robert Koch Institutes gibt es derzeit rund 1,3 Millionen Medikamentenabhängige Personen in Deutschland.
  • Die Epidemiologische Suchtsurvey (ESA) geht von bis zu 2,3 Millionen Abhängigen aus.
  • Circa 80% sind Abhängig nach Benzodiazepinen.
  • Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen, ein Drittel sind Männer.
  • Medikamente werden häufig als „Smart Drugs“ eingesetzt, d.h. sie werden nicht wegen ihrer Wirkung sondern Aufgrund ihrer Nebenwirkungen eingenommen. Beispiel: Medikamente, welche eine apptetitzügelnde Nebenwirkung haben aber eigentlich für ein ganz anderes Behandlungsfeld vorgesehen sind, werden zur Gewichtsreduktion missbraucht.

illegale Drogen

  • 1.126 Drogentote im Jahr 2015
  • Circa 10% der Jugendlichen von 12-25 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben illegale Drogen konsumiert.
  • Circa 35 % der jungen Erwachsenen von 18-25 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben illegale Drogen konsumiert.
  • 25% der Erwachsenen von 18-64 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben illegale Drogen konsumiert.
  • registrierte Erstkonsumenten harter Drogen in 2015 : mehr als 20.000 Personen ( + erhebliche Dunkelziffer).
  • Die Anzahl der Personen, die regelmäßig illegale Drogen konsumieren lässt sich aufgrund der extrem hohen Dunkelziffern nur schwer ermitteln, wird aber auf mehr als 4 Millionen geschätzt.
  • Mehr als 48.000 kriminelle Delikte unter Crystal Meth Konsumenten im Jahr 2015.

Glücksspiel / Internet / PC

  • Mehr als 800.000 Süchtige (pathologisches Glücksspiel)
  • Circa 560.000 Internetabhängige in der Altergruppe 14-64  Jahre
  • Circa 16% der Neuntklässler und 4 % der Neuntklässlerinnen spielen exzessiv PC, d.h. zwischen 4 – 4,5 Stunden pro Tag.
  • Circa 500.000 PC Spiele Abhängige unter den Erwachsenen.
  • Umsatz der Glücksspielindustrie (legales Glücksspiel : mehr als 33 Milliarden Euro pro Jahr)
  • Umsatz des beliebtesten Ego – Shooters seit Veröffentlichung: mehr als 10 Milliarden USD
  • Umsatz des beliebtesten online Rollenspiels seit Veröffentlichung: mehr als 18 Milliarden USD

Ich könnte noch ewig so weitermachen………

Und was sagen mir die vielen Zahlen nun ???

Darüber kann sich natürlich jeder sein eigenes Bild machen.

Mir bedeuten diese Zahlen, dass es eine Rechtfertigung für unser schon gutes aber noch an vielen Punkten verbesserungsfähiges Hilfesystem gibt.

Mir bedeuten diese Zahlen, dass ich stolz und dankbar bin, dass sich jeden Tag hunderte Haupt- und Ehrenamtliche Suchthelfer dieser Schlacht stellen.

Mir bedeuten diese Zahlen aber auch, dass sich der einzelne Süchtige nicht für seine Krankheit schämen und verstecken muss. Dass er nicht der „Einzelfall“, der „hoffnungslose Fall“ oder das „schwarze Schaf“ ist, sondern das es neben ihm noch viele Millionen Menschen gibt, die das gleiche Schicksal teilen.

Es gibt aber auch zigtausende gute Beispiele dafür, dass der Kampf gegen die Suchtkrankheit erfolgreich geführt und gewonnen werden kann !

Und diese Zahlen bedeuten, dass hinter jedem Süchtigen mindestens auch ein Angehöriger oder eine ganze Familie steht.

Teilen + weitersagen gerne erwünscht.

Marc

Die Zahlen stammen unter anderem aus dem Suchtbericht der Bundes Drogenbeauftragten, ESA Studien, BZgA Studien, RKA Studien, European Drug Report.

5 Kommentare zu „Sucht in Zahlen

    1. Hallo Michaela, für mich als Betroffenen ist das Thema ein hoch emotionales, bei dem die Statistiken zwar interessant aber nicht die Priorität sind. Ich erlebe es aber sehr oft, dass Aussenstehenden die Tragweite der Suchtkrankheit gar nicht bewusst ist. Ich denke schon das es da nützlich ist solche Zahlen zu nennen um für das Thema zu sensibilisieren. Viele Grüße Marc

      Gefällt 1 Person

      1. Hmmm, ein (großes) Stück muss ich dir recht geben, da auch ich im Bereich Sucht präventiv unterwegs bin und diese Erfahrung regelmäßig mache. Oft werde ich nach Zahlen gebeten, die ich nur mit Vorsicht äußere. Durch Zahlen kann lediglich eine bestimmte Menge (rational gesehen) verdeutlicht werden, wohl wahr. Aber ob sich jemand davon längerfristig emotional angesprochen fühlt, oder nur kurz darüber nachdenkt, oder es als gegeben hinnimmt, beeinflusst es leider nicht.
        Trotzdem, toller Artikel. 🙂
        VG Michaela

        Gefällt 1 Person

  1. Ich habe selbst durch eine mir nahestende Alkoholkranken die Auswirkungen von Sucht mitbekommen. Es ist erschreckend welch hohe Zahl von Menschen ich in der stationären Behandlung angetroffen habe. Ist auf jeden Fall eine Erfahrung fürs Leben. In meinen Augen ist Sucht auch ein zum Teil von der Gesellschaft geschaffenes Problem für das vielfältige und neue Lösungen gefunden müssen. Leider werden viele Abhängige und die, die einmal welche werden könnten von bestimmten politischen Gruppen alleine gelassen.
    Grüße,
    Robin vom Politblog http://www.herr-eshahn.de

    Gefällt 1 Person

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